Biografische Kurzgeschichten

von heiter bis dramatisch

zum Durchlesen, Reinlesen oder Fertiglesen



Nicht normal

Die Feiertage waren besonders hart. Ein Kind, das keine Geschenke haben will, mit dem stimmt etwas nicht. Dafür musste man sich entschuldigen. Die Enttäuschung meiner Eltern, wenn Valentina die Geschenke auspackte, einfach weil sie es musste, um sie dann auf dem Fußboden liegen zu lassen, war grenzenlos. >>Das ist doch nicht normal<<, sagten sie dann, >>jedes andere Mädchen wäre vor Freude an die Decke gegangen.<< Valentina nicht. Valentina saß einfach nur da und beobachtete die Plastikkreatur in Form eines neugeborenen Babys skeptisch aus der Ferne. Dann tapste sie wortlos zur Fensterbank und schaute aus dem Fenster. >>Das ist doch nicht normal<<, wiederholte meine Mutter eindringlich, >>Sie tut... einfach gar nichts.<< Ich versuchte meiner Mutter zu erklären, dass aus dem Fenster zu sehen, keineswegs "gar nichts" war. Aber damit blitzte ich erwartungsgemäß ab.

Nein, es war wohl tatsächlich kein normales Verhalten für eine Fünfjährige. Aber warum sollte sie nicht einfach aus dem Fenster sehen, wenn es sie glücklich machte. Valentina spürte sehr gut, dass sie die Großmutter enttäuscht hatte. Wenn sie auch nicht recht verstand weshalb. Sie holte Papier und einen braunen Filzstift und setzte sich wieder auf die Fensterbank. Wenig später legte sie meiner Mutter das fertige Bild vor. >>Oh, das ist wirklich... nett von dir<<, stammelte diese und warf mir einen vielsagenden Blick zu. Als würde die Zeichnung, mit dem braunen Kuddelmuddel ihre Theorie untermauern, dass mit Valentina einfach irgendetwas verkehrt war. Als ich sie später fragte, was sie denn da gemalt habe, deutete sie strahlend aus dem Fenster. Sie hatte ein verlassenes Vogelnest in der alten Buche entdeckt.

So ging es fortwährend. Zu Silvester saß sie im Garten meiner Schwester und ließ sich so bewegungslos wie freudestrahlend einschneien. Ab und zu streckte sie die Zunge heraus, um damit eine Schneeflocke aufzufangen. Meine Schwester sah mich flehend an und wartete, dass ich sie hereinholte. Aber warum sollte ich das tun? Die anderen Kinder spielten auch draußen. Valentina ließ sich eben einschneien.
Nein, Valentina war nicht wie andere Kinder. Sie spielte lieber mit Schnecken, als vor dem Fernseher zu sitzen. Sie liebte alles, was kreucht und fleucht. Wenn es den Schnecken zu heiß war, setzte sie sie aus der Sonne. Wenn es ihnen kalt war, das erkannte sie daran, dass sie sich langsamer bewegten, dann trug sie sie näher an den Kompost heran. Wenn es zu windig war, um draußen zu spielen, malte Valentina. Später entdeckte sie die Pflanzenwelt für sich. Zunächst Zweige und Äste. Dann konzentrierte sie sich eher auf die Baumrinde. Sie konnte sämtliche Bäume im Wald, anhand ihrer Borke unterscheiden. Konnte an Fraßspuren erkennen, welches Tier sich daran zu schaffen gemacht hatte. Aus Rinde und Moos baute sie Betten für ihre Schnecken, während ihre Cousins im selben Alter bereits fließend Englisch sprachen. Mit sechs Jahren wurde Valentina für nicht schulreif erklärt. Ein gewonnenes Jahr dachte ich. Valentina nutzte es zum Gärtnern. Im Herbst setzte sie Blumenzwiebel an. Im Frühling umsorgte sie das Ergebnis. In ihrem kleinen Blumenbeet durfte natürlich auch Salat nicht fehlen. Wegen der Schnecken. Die liebten den Salat. Erstaunlicherweise ließen sie ihn tatsächlich heranwachsen, bevor sie ihn anfraßen. Valentina aß mit. Verfolgte in der Natur den Zyklus des Lebens.
Mit sieben sollte sie die Sonderschule besuchen, entschied man. Nicht weil sie Probleme mit dem Lernen hätte. Sie wusste viel, mehr als die meisten Kinder. Aber ihr Wissen war unbrauchbar. So wie alle ihre Talente. Der Blick für Kleines. Die Empathie. Die tiefe und unerschütterliche Genügsamkeit. All das war und ist irrelevant ohne Nutzen für die Welt. Also wurde sie als krank eingestuft. Denn die Möglichkeit nicht beurteilt zu werden, die gibt es ja nicht.


Leopold und das Licht

Leopold ist alt. Alt, allein und griesgrämig. Alt ist er, weil das Leben tiefe Spuren hinterlassen hat.

Die Zeit, als er ein Kind war, hatte die Fähigkeit zu lieben in sein Herz gebracht. Seine Mutter war gütig und fleißig. Ein strahlendes Licht. Die Zeit als Soldat hatte diese Gabe beeinträchtigt. Sie löschte viele Lichter ganz aus. Beinahe sogar sein eigenes als er sich schlecht ausgerüstet und zitternd vor Kälte und Angst in Russland wiederfand. In der Zeit als Ehemann loderte das Licht wieder. Sie brachte große Liebe mit sich. Er konnte kaum glauben, dass noch eine Steigerung möglich war. Bis zu der Zeit als Vater. Während dieser Zeit strahlte er so sehr, dass man die ganze Stadt damit hätte beleuchten können. Das Land. Den Kontinent. Die Welt. Er wollte sein Glück hinausschreien. Jeden noch so fernen Menschen daran teilhaben lassen. Aber er blieb bescheiden. Er schrie erst in der Zeit als Witwer. Einmal. Laut. Sehr laut. Ein Schrei, der nurmehr ein winziges Flackern zurückließ.
Darauf folgte die Zeit als alter Mann. Nichts, aber auch gar nichts konnte das Licht zurückbringen, das parallel zu der jeweiligen Zeit vergangen war. Das durfte auch nicht sein. Wie könnte er nach allem, was er nicht mehr war, was die Zeit ihm gestohlen hatte, all den erloschenen Funken zu Trotz noch glücklich sein? Undenkbar. Nun war er eben alt. Alt, allein und griesgrämig. Das gedachte er zu bleiben, solange bis auch die Zeit als alter Mann ein Ende fand. Und das würde sie. Er musste nur geduldig sein.
Indem er also alt, allein und griesgrämig auf den Tod wartete, versuchte er sein Licht auszulöschen. Keine andere Aufgabe war ihm geblieben. Es war nicht wirklich schwer, eine beinah erstickte Flamme klein zu halten. So einsam in der viel zu großen Wohnung, die so unendlich leer war, seit er sich allem entledigt hatte, was von früheren Zeiten geblieben war.
Schwer wurde es nur, wenn er die Wohnung verließ. Wenn Hermine aus dem zweiten Stock im Stiegenaufgang in ihrer Lederhandtasche nach der Brille kramte,  die die ganze Zeit über auf ihrer Nase gesessen hatte. Was irrelevant war, denn selbst mit Brille fand sie das Schlüsselloch meistens nicht. Ihre Hände waren einfach zu zittrig. Denn auch Hermine war alt. Alt und allein, aber keines Wegs griesgrämig. Sie war sogar ausgesprochen lustig, leuchtend und hell, was Leopold gelegentlich beim Licht-Kleinhalten störte. Vor allem dann, wenn Hermine ihm, als kleinen Dank fürs Türöffnen, heimlich selbst gemachte Pralinen vor die Wohnungstür legte, schließlich aber doch verlegen klingeln musste, weil sie sich dabei ausgesperrt hatte.
Noch schwerer wurde es als er sie, mitsamt ihrer Pralinen, hereinbat. Als er ihr Kaffee über die hellblau karierte Schürze schüttete und das Malheur, mit hochrotem Kopf beseitigte. Wenn ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg, sobald sie seinen Blick streifte. Als er sich dabei ertappte, davon zu träumen, ihren schneeweißen Lockenkopf zu streicheln. Als er, verlegen wie ein Schuljunge, um ihre Hand anhielt.
Am allerschwersten aber war es geworden, seit der Duft von Hermines Rosenseife die gar nicht mehr so leere Wohnung vollkommen ausfüllte. Unmöglich, seit Leopold nicht mehr griesgrämig ist. Auch nicht allein. Ja, nicht einmal mehr so wirklich alt.


Den Keller voller Geister

Das Haus, in dem ich wohne, ist nicht mein Elternhaus. Es gehörte der Tante eines Mädchens, das im selben Keller saß wie ich, wenn der Kuckuck rief. Ihre Mutter summte gern die Melodie von Harry James' Sleepy Lagoon. Ich musste mich oft anstrengen, ihren Gesang hören zu können, denn meine Mutter und meine Großmutter erlaubten mir nicht, mich zu ihr zu setzen. Nur Verrückte sängen und das Leben mochte einen verrückt machen. Doch die Frage, ob sie es gut hießen, stellte sich bald nicht mehr. Ende Oktober 1944 überkam meine Mutter ein scheußliches Fieber und wenige Tage danach auch meine Großmutter. Ich erzählte niemandem davon sondern saß meinen Kummer alleine aus, das Schlafzimmer fest versperrt. Unter Tränen und Angst erwartete ich mein eigenes Fieber, mein letztes, doch es kam nicht. Der Tod konnte launisch sein, doch er war nie weit weg. Schon nach wenigen Tagen sehnte ich mich nach ihm, wie nach einem Freund. Trotzdem ging ich bei der nächsten Sirene in den Keller. Ich war alleine gekommen. Die Nachbarn wussten, was was sie zu wissen zuließen konnten und senkten ihren Blick. Abgesehen von einer Frau, welche die Arme hob, die zuvor noch um ihr Kind geschlungen waren. Wie auch das Mädchen legte ich mein Gesicht in ihren Schoß und lauschte dem Gesang, der immer noch schwer zu hören war, da ihre Hände auf unseren Ohren lagen. Ihre Finger, wie sie mein Gesicht berührten, fingen mich in meinem Schmerz auf wie zarte Federn. Ich schluchzte in ihren Rock und sie sang. Sie sang immer weiter, bis meine Tränen versiegt waren. Als die Entwarnung kam, nahm sie mich mit in ihre Wohnung, ohne Fragen zu stellen.
Wenige Tage später zogen wir aufs Land zu Tante Annie. Sie war zwar nicht meine Tante, aber sie war, wie man sich eine Tante vorstellte. Fürsorglich, ordentlich und auch ein bisschen verrückt. Sie erzählte uns nämlich, der Keller sei voller Geister. Ein anderes Mal erzählte sie uns sogar, dass es gar keinen Keller gäbe, obwohl doch eindeutig eine Tür nach unten führte. Näherten wir uns aus Neugier, bekamen wir ein paar saftige Ohrfeigen. Manchmal stellten wir Mutproben an, wer sich näher heranwagte. Dann und wann glaubten wir Stimmen zu hören und verkrochen uns sodann schnell wieder. In der Nacht konnte man, wenn man das Ohr auf den Fußboden legte, die Kellertür knarzen hören, dann waren die Stimmen noch lauter. Irmi war quirlig und widerspenstig. Sie machte oft böse Scherze, aber ich mochte sie. Ein halbes Jahr nach unserem Einzug zog sie mit ihrer Mutter zurück zum Vater in die Stadt. Ich sollte bei Tante Annie bleiben. Jahre später verließ auch sie mich und hinterließ mir das Haus. Ich denke sie erlag Verletzungen und alter Anstrengung, welche sie dem Krieg nie verziehen hatte. Von da an gab es nur noch mich und das Haus. Und die Geister im Keller, die blieben mir auch. Zwar konnte ich sie seit Ewigkeiten nicht mehr hören, doch passierten sehr merkwürdige Dinge. Ich fand Briefe in meinem Postkasten und Ansichtskarten. Fotos von Menschen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Einmal im Monat war es sogar ein Umschlag mit Geld. Zweihundert Schilling, um genau zu sein. Jeden Monat. Ich wollte den großzügigen Spender ausfindig machen, doch weder die Polizei noch der Postbeamte konnte oder wollte mir helfen. Darum legte ich mich selbst auf die Pirsch. Da die Kuverts in unregelmäßigen Abständen kamen, war das gar nicht so leicht. Drei Monate später war es so weit. Ein großer Mann, er muss um die fünfzig Jahre alt gewesen sein, stand vor dem Gartenzaun und steckte einen Umschlag in den Briefkasten. Als ich ihn zur Rede stellte, meinte er verlegen, er hätte vor langer Zeit einmal hier gewohnt, in genau demselben Haus und das Geld wäre für versäumte Mieten. Was ich auch an Einwänden der Unmöglichkeit dessen hervorbrachte, er ließ sich von seinen Rückzahlungen nicht abhalten. In den folgenden Jahren und Monaten brachte er den Umschlag nicht mehr heimlich, sondern zum Kaffee. Auch die Menschen auf den Bildern, seine Kinder und Enkelkinder brachte er ab und an mit. Zwei davon besuchen mich immer noch regelmäßig. Doch das alles ist nicht meine Geschichte, es ist die des Hauses. Und im Keller ... da war ich bis heute nicht.

Annegret

Es klingelt. Hinter den weißen Gardinen setzt sich die Uniform des Postboten ab. Bevor Annegret ihm öffnet, geht sie in den Garten, legt einige Himbeeren in eine Schüssel und stellt sie, gemeinsam mit einem Glas Erdbeermarmelade, auf das Fensterbrett. Der Postbote wartet geduldig.

"Ein Brief für Sie", schmunzelt er, als sie schließlich vor ihm steht.

"Ein Brief ohne Unterschrift, den du selbst geschrieben hast. Wie jeden Tag", denkt Annegret, doch spricht es nicht aus.

"Danke mein Junge, vielen Dank", erwidert sie stattdessen und drückt die schwere Holztür ins Schloss. Dann öffnet sie den Brief.

Liebe Annegret,

Ich weiß nicht, wie Sie das mit ihren 86 Jahren machen. Ihr Garten ist von allen hier der schönste. Wie schaffen Sie es bloß, dass die Hortensien so üppig blühen? Sie werden mir Ihr Geheimnis wohl niemals verraten. Aber vielleicht geben Sie meiner Frau das Rezept für den herrlichsten Apfelgitterkuchen der Welt? Ach was, sie könnte ihn ja doch nicht nachbacken. Sie hat zwei linke Hände, wissen Sie? Aber das Herz am rechten Fleck, genau wie Sie.

Einen wundervollen Tag wünscht Ihnen,

Ihr heimlicher Bewunderer


Die Erdbeermarmelade war inzwischen vom Fensterbrett verschwunden und auch von den Himbeeren fehlt jede Spur. Nur die Schüssel steht noch verlassen auf der Fensterbank. Annegret lächelt in sich hinein und geht in die Küche. Sie verrührt die Eier mit dem Handbesen.

"Die Eier und der Zucker, sie müssen von Hand geschlagen werden", murmelt sie, "so kommt mehr Luft in den Teig."

Als sie am nächsten Morgen aufwacht, freut sie sich über den Duft von Äpfeln, Zimt und Nelken den der Kuchen im Haus verbreitet hat. Noch bevor sie sich selbst den Kaffee aufsetzt, geht sie in den Garten und pflückt einen Bund Hortensien. Liebevoll bindet sie die Blumen zu einem Strauß und legt sie, gemeinsam mit einem großen Stück Apfelkuchen auf das Fensterbrett.


Werte, Zahlen und Menschen

Emma war gerade einmal so hoch wie der Kaminsims, als sie merkte, dass die Welt es nicht immer gut mit ihr meinte. Noch vor einem Jahr, genau um dieselbe Zeit, hätte sie nichts glücklicher gemacht, als eine Handvoll Kekse, eine heiße Tasse Kakao und ihre Lieblingsdecke im alten Ohrensessel. Doch nun war sie zehn. Die Freude über die frischen Plätzchen brannte schneller ab als ein Faden Wolle im Kamin.

Nächste Woche stand eine Schularbeit an. Deutsch. Für ihre Rechtschreibschwäche war sie bereits verschrien. Eigentlich mochte sie das Schreiben. Zumindest bis zur ersten Klasse in der neuen Schule, als statt des Schriftzugs der Lehrerin erstmals die dicke 4 vom Papier prangte. Die Zahl 4 hatte für sie bis zu diesem Zeitpunkt keine wesentliche Rolle gespielt. Die 4 war eine Zahl wie die 7 oder jede andere Zahl auch. Doch von dem linierten Schulpapier glotzte sie sie unaufhörlich an. Die 4 lachte sie förmlich aus. Wann immer sie das Heft aufschlug, hörte sie den Kugelschreiber der Lehrerin, wie er "nachsitzen" ins Elternheft gravierte. Und natürlich die Stimme der Mutter, die zu mehr Achtsamkeit mahnte. Schließlich sei die Schule der Grundstein fürs Leben. Emma wusste eigentlich gar nicht genau, was die Mutter ihr damit sagen wollte, aber es klang wichtig und stimmte sie nachdenklich. Genau wie die 4, die die schönen Geschichten unter ihren Rechtschreibfehlern zunichtemachte. Oder die Einsen in Mathe und Werken, die wie ausgelöscht zu sein schienen, sobald man auf die 4 zu sprechen kam. All das war ja noch erträglich gewesen, bis aus Kummer Ernst wurde und statt der 4 die 5 auftauchte. Die 4 war ohne Frage unsympathisch, aber die 5 war grausam. Die 5 lachte nicht mehr. Die 5 sagte: "Du genügst nicht. Du bist nicht gut, so wie du bist. Ändere etwas, und zwar schnell. Denn sonst hat das Folgen für dein gesamtes weiteres Leben." Emma wusste nicht, was die 5 ihr antun konnte, aber sie wusste nun, dass sie nicht genügte. Dass sie sich ändern musste.

Emma beendete die Schule mit 16 Jahren. Die 5 besserte sie sich mit Mühe auf eine 4 aus und die lachte eben. Emma lacht auch. Sie ist heute 64 Jahre alt und arbeitet, seit 47 Jahren als Bildhauerin. Sie lacht, weil sie das Lachen nicht verlernt hat. Weil sie es verhindern konnte, dass die Welt etwas aus ihr macht, dass sie nicht ist. Weil sie im Gegensatz zu vielen weiß, dass der einzige Grundstein für´s Leben jener ist, trotz allem was das Leben dir auferlegt, nicht zu vergessen, wie man es genießt, mit einer Hand voll Kekse, einer heißen Tasse Kakao und der Lieblingsdecke in einem alten Ohrensessel zu sitzen.


Ohne Teenies besser dran - Ein modernes Märchen

Seit ich kürzlich beim Staubsaugen irrtümlich das Mobiltelefon meiner dreizehnjährigen Tochter Melanie entsperrte und sich aus heiterem Himmel die WhatsApp Unterhaltung mit ihrer besten Freundin öffnete, frage ich mich, ob diesem Kind noch zu helfen ist. Ich bin wirklich kein überfürsorglicher Vater, aber dafür finde ich keine Worte. Armutszeugnis der Menschheit vielleicht. Entgleisung der Jugend. Oder Achillesferse des Intellekts. Verblödung der ... okay vielleicht finde ich doch ein paar Worte. Es trug sich zu, wie folgt:


Zuerst hat **Süße<3<3** geschrieben: "Mir ist fad." Zumindest schlussfolgerte ich das aus den schnarchenden Smileys und dem Kontext der Reaktion. Meine Tochter erklärte, da könne sie Abhilfe schaffen, denn sie habe ohnehin noch etwas Wichtiges zu erzählen. Auf ein rhetorisches "Ok???????" folgten, anstelle einer Antwort, vier Daumen hoch und drei Top!s. Den Rest der Unterhaltung werde ich nun etwas zusammenfassen. Also es ist offenbar so, dass meine Tochter Melanie vielleicht, vielleicht auch nicht, in Emil verliebt ist. Das hängt jetzt (und gar nicht unwesentlich) davon ab, ob er Selbiges erwidert. Allerdings sei es, bei 627 Facebook-Freunden, wovon 341 weiblich sind und ihm 53 sogar zum Geburtstag gratulierten, wohl reichlich naiv das anzunehmen. "Shit" kam prompt die Situationsauslegung, natürlich ebenfalls in Form eines lächelnden Emojis. Woher sie das eigentlich wisse, hakte **Süße<3<3** nach. Denn wie ich erfuhr, waren Melanie und Emil selbst gar keine Facebook-Freunde. Doch scheinbar wäre es gewissermaßen und unter Umständen möglich, dass sie, Melanie, sich vielleicht, vielleicht auch nicht, in den Account ihres älteren Bruders (meines Sohnes Gabriel [Oh Gott steh mir bei, es geht um seinen langhaarigen Freund, den 18 [[!!!]] jährigen Emil!!!]) gehackt hat, um das zu "checken". Was wiederum wohl wesentlich davon abhängt, ob dieser es ihr hieb- und stichfest nachweisen konnte. Wie auch immer, nun hatte sie sich das Ganze aber natürlich nicht aus den Fingern gesogen, nein! Es gäbe da durchaus gewisse Anzeichen dafür, dass der schöne Emil ihre Gefühle (die je nachdem da waren oder nicht) erwiderte. Als sie sich nämlich zuletzt schicksalhaft vor Gabriels Zimmer über den Weg gelaufen waren (er musste aufs Klo und sie stand da reiiiin zufällig), sagte er: "Hey Mel." *kreiiiisch*, entgegnete da die beglückwünschende Telefonseelsorge. Dann folgten einige Abkürzungen, die selbst erfahrene Kryptologen vor ein Rätsel gestellt hätten. Die Aufregung rührte jedenfalls daher, dass er, Emil, der viel zu alte Freund meines Sohnes Gabriel, ja auch etwas Plumpes hätte sagen können. Etwas "Angestaubtes" wie "Hallo Melanie". Aber das hatte der Ritter in der schimmernden Rüstung nicht getan. Nein! Er sagte, quasi mit ewigen Liebesschwüren zwischen den Zeilen: "Hey Mel." Es folgten unzählige OMG!s beider Gesprächsteilnehmer.Trotz der vorherrschenden Euphorie der Hormongeplagten beunruhigte mich das zunächst nicht. Mit der, vermutlich hanfbedingten (Geistes-) Trägheit, die der junge Adonis üblicherweise an den Tag legte, wenn er aus Gabriels Zimmer schlurfte, war an diesen Worten wohl kaum viel dran. Aber dann hatte er offenbar auch noch "angesext" geschaut. Und zwar "sooo hot"! Angesext! Ja Kruzifix! Wenn das auch nur annähernd das bedeutet, was ich denke, dass es bedeutet, dann bekommt der liebe Emil lebenslängliches Hausverbot. ...Was interessant wäre zu erklären mit dieser Vorgeschichte. Was sollte ich sagen? "Sohn, wirf deinen Freund hinaus, der schaut angesext"? Wohl eher nicht. Gott sei Dank hält Gabriel meinen Erziehungsstil aber sowieso für archaisch. Ein markerschütterndes "Weil ich es sage" (in Mundart wirkt es noch besser), sollte also genügen. Nun gut. Mehr als dieses zwischenmenschliche Feuerwerk vor der Klotür war nicht nötig, um zwei pubertierende Gören dazu zu animieren, sich angeregt über Verhütung auszutauschen. Zumindest dieses Gespräch würde mir erspart bleiben, denn auf dem Gebiet schienen sie tatsächlich bescheid zu wissen. Im Ernst, da kamen Sachen, von denen ich noch nie zuvor gehört hatte! Nachdem diese gegoogelt waren, ließ ich mich demoralisiert auf die Couch fallen. Wie es der Zufall (oder der Alltag) will, kam wenig später Gabriel von der Schule nach Hause, und zwar mit niemand Geringerem als dem schönen Emil im Schlepptau. "Tag", murmelte der. Was das wohl zu bedeuten hatte? Leider würde sich in meinen WhatsApp Kontakten niemand finden, mit dem ich das erläutern könnte. Also schaltete sich mein Gesichtsscanner ein. Ich suchte nach dem Begriff "angesext", aber er schlug lediglich bei "ungepflegt" aus. Zugegeben, ich war auch keine beeinflussbare, leichtgläubige Dreizehnjährige. Mich würde er wohl kaum so ansehen. Also folgte ich dem Verdächtigen in den ersten Stock, wo ich nicht nur von meinem Sohn Gabriel böse Blicke kassierte, sondern auch von der lieben Melanie, die mit dem wallenden fettigen Haar einer Dreizehnjährigen über der Schulter, wieder reiiin zufällig am Flur stand. Okay, das hatte ich nicht bedacht. Mit oscarverdächtiger Gleichgültigkeit gab ich vor, nur den Staubsauger holen zu wollen. Mein entschlossener Blick ließ keine Zweifel zu. Zielstrebig wand ich mich an dem Dreiergespann vorbei und holte das kabellose Elitegerät aus der Wäschekammer. Der Traum meiner schlaflosen Nächte. Ich war tatsächlich so stolz auf dieses hochmoderne Haushaltsgerät, dass meine Kinder mir die kleine Notlüge abnahmen. Nach einigen Minuten des Abwartens schaltete ich den Staubsauger ein. Nur als (ausgesprochen leise!!) Geräuschkulisse versteht sich. Ich legte den zufrieden surrenden Apparat auf den Boden und mich selbst auf die Pirsch. Von der Treppe aus hatte ich hervorragende Sicht auf beide Kinderzimmer inklusive der Klotür. Und sollte mich wider Erwarten jemand entdecken, war da ja noch der Staubsauger.

Ich musste kaum eineinhalb Stunden warten, holten mich auch schon die Schlurfgeräusche von Socken auf Parkett aus meinem Nickerchen. Der Akkusauger surrte immer noch zufrieden - was für eine Errungenschaft der Technik! Die Zimmertür zu Melanies Teeniehöhle war einen spaltbreit offen. Ich vernahm eine tiefe Stimme. Dann ein schrilles Quietschen. Bewaffnet mit dem Dyson V8 Pro eilte ich meiner Tochter zur Hilfe. Zu meiner Erleichterung waren alle Personen, die sich im Raum befanden voll bekleidet. Gabriel hatte seine schlaksigen Finger um Melanies Nacken gelegt und rügte sie dafür, dass sie an seinem Computer gewesen war. Ich schloss die Tür, wenn auch nur halb so energisch wie ich sie aufgerissen hatte, und schlich in Gabriels Zimmer. Dort fand ich, wie ich es gehofft hatte, den schönen Emil. Den Rücken gerade und die Hand fest um den Dyson geschlungen, baute ich mich vor ihm auf. Er sah mich gelangweilt an. "Ich weiß genau, dass du Melanie angesext hast", stieß ich bedrohlich aus, "Wenn du sie anrührst, schwöre ich dir ..." Aus Effektgründen ließ ich den letzten Teil des Satzes als drohendes Damoklesschwert im Raum hängen. Ich erwartete eine dünne Rechtfertigung, ein angstvolles Wimmern. Doch Emil glotzte mich nur aus rot umrandeten Augen an. "Alter geht's noch? Ich hab 627 Facebook-Freunde, davon sind 341 weiblich und 53 haben mir sogar zum Geburtstag gratuliert!"

Small Talk

Ich bin ein liebevoller, aber kein einfacher Mensch. Ich schätze Ruhe und abgelegene Orte sehr. Ich liebe es, zu lachen. Mich fasziniert die Einsamkeit. Ich meide Menschenmengen und Lärm. Ich fürchte Streit und Hektik. Ich verabscheue Small Talk. Das klingt jetzt vielleicht arrogant, doch so ist es nicht. Wenn ich einem Menschen näherkommen möchte, empfinde ich es als Zeitverschwendung, ja fast als Beleidigung über Belangloses zu sprechen. Man darf mir durchaus ein gehaltvolles Gespräch zutrauen. Ich möchte über Kunst sprechen, über Ängste und Fehler, über das Leben, über Ideen, Träume und Leidenschaften jeder Art, über Weltsichten, Musik, Liebe und Sex, über das Reisen, die Natur, über Essen und natürlich über Bücher.

Ich liebe und fürchte Gefühle. Sie überwältigen mich.noch manchmal. Im Guten wie im Schlechten. Ich habe einen feinen Sinn für Stimmungen. Oft überträgt sich die Stimmung anderer Menschen auf mich. Manchmal lässt mich all das verzweifeln. Doch gäbe es eine Pille gegen diese Hochsensibilität, ich würde sie nicht schlucken. Ich habe einen Blick für Kleines, Schönes und Außergewöhnliches. Und für Wunder. Um nichts in der Welt möchte ich den verlieren.


Der Pfau

Der Schmutz des einen Landes ist die Medizin des anderen. Neben den verbotenen Mohnfeldern leuchtet der Markt meiner Heimatstadt aus der kargen Berglandschaft. Kamele und Esel ruhen vor der Stadteinfahrt. Die Kleider und Textilwaren, die sie transportierten, liegen jetzt zum Verkauf aus. Daneben ein Verkäufer mit Pfauenfedern. Während sie in Europa Unglück bringen sollen, symbolisiert die Pfauenfeder hier Würde, Wohlstand und Unsterblichkeit. Seit 1978 befindet sich mein Heimatland im Krieg. Angefangen mit einem Schlag der kommunistischen Partei, rutscht es von einem Konflikt in den nächsten. Meine Töchter kennen keinen Frieden. Ich selbst erinnere mich kaum daran. Männer, Frauen, Kinder aus unserer Nachbarschaft, unsere Freunde, unsere Familien sterben durch die Hand der Taliban, der eigenen Armee, oder durch das US-Militär. Es ist ein sich ewig fortsetzender, todbringender Kreislauf. Die Besatzungsmächte sehen früher oder später ein, dass ein derart raues und bergiges Land auf Dauer nicht einzunehmen ist, hinterlassen es im Chaos, bilden damit die Basis des nächsten Bürgerkriegs, der wiederum neue Besatzer lockt. Wenn der Grundstein schief liegt, kann die Mauer nicht gerade werden. Es wird gesprochen, aber falsch. Während die Metzger diskutieren, fällt die Kuh tot um. Und so ist es in vielen Dingen. Nicht nur der Krieg prägt die Menschen. Islamische Vorschriften beeinflussen jegliche Kommunikation. Die Scharia, was so viel bedeutet wie deutlicher, gebahnter Weg, bestimmt alles zwischen Strafrecht und Familienleben. Seit 2004 gelten Frauen in meinem Land grundsätzlich als gleichberechtigt. Diese Zusage wird allerdings im selben Atemzug relativiert, denn die Verfassung sagt, kein Gesetz dürfe im Widerspruch zu den Grundlagen des Islam stehen. Die Armut treibt Frauen in die Abhängigkeit. Ab 16 Jahren ist die Zwangsheirat erlaubt und darunter toleriert. Es gibt keinen Verschleierungszwang mehr, doch unser Rollenbild, lässt nichts anderes zu. Ich bin eine Frau aus Afghanistan. Wenn ich an zu Hause denke, sehe ich die Pfauenfedern vor mir, die alles verkörpern, was mein schönes Land so dringend braucht und was es in Europa in solchem Überfluss gibt, dass es ihm Unglück bringt. Würde wird zur Eitelkeit, Wohlstand wird zu Gier und Unsterblichkeit wird zum Wahn. Der Schmutz des einen Landes ist die Medizin des anderen. Und ich als Frau lebe hier und dort in einer Welt der Wertung. In Wahrheit beneide ich den Pfau, denn er kann zeigen, wie schön er ist, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wie die Menschen ihm die Schönheit auslegen.


Jahre der Nacht

Ich wurde geschieden. Sie werden jetzt vielleicht denken, das sei nichts Besonderes, doch das war es. Mein Mann verließ mich, als sich scheiden zu lassen noch kein Volkssport war. Da stand ich also, mit vier Kindern, ohne Einkommen und ohne die Miete bezahlen zu können. Zu meiner Überraschung war die Miete sogar um einige Monate in Verzug. Von Kindesunterhalt wollte mein Exmann auch nichts wissen und tauchte schließlich ganz unter. Unauffindbar. Meine Kinder ahnten nichts von unserer Aussichtslosigkeit und das sollte so bleiben, also lächelte ich. Es war ein stiller Kampf, der sich unsichtbar, tief in mir abspielte, jeden Tag aufs Neue. Und da ich alles daran setzte, diesen Kampf zu gewinnen, blieb kaum Zeit für Angst, Tränen und Sorgen. Nur des Nachts verschwand mein Lachen. Und das trifft es vielleicht ganz gut, es waren Jahre der Nacht.

Ich bin inzwischen fast 70 Jahre alt. Erwarte den Besuch meiner Kinder, der Schwieger- und Enkelkinder. Wenn ich sie sehe, erfüllt mich eine große Dankbarkeit. Sie sind tüchtige und anständige Menschen geworden. Das Lächeln, das lange Zeit ein oberflächliches war, ist heute echt.


Resilienz

Der andere Mann war nicht das Problem. Das Problem war und ist, dass sie nicht nach den Regeln spielte. Nicht nach den offiziellen, die das Eheleben mit sich bringt, und, was viel schlimmer war, nicht nach den ungeschriebenen. Den nonverbalen, stillen Verabredungen. Ich mache Entbehrungen, wenn du es auch tust. Wir halten die Fassade aufrecht. Wir heiraten und wirken glücklich, so wie es alle tun. Das war der Plan, und sie hielt sich nicht daran. Sie hatte ihn betrogen und hintergangen, obwohl er all die Jahre für sie unglücklich war. Sie hatte ihn blamiert, ihn bloßgestellt.

Als die Tür ins Schloss fiel, blieb nur Stille. Jene Art der Stille die Menschen dazu zwingt, nachzudenken. Eine Welle Gefühle überkam ihn, die er nicht bereit war, zuzulassen. Traurigkeit, Selbsthass,... aber vor allem diese alles zerfressende Wut. Diese Wut stank und wütete wie Gift, doch seine Exfrau tat ihm nicht den Gefallen, daran zu sterben. Stattdessen benetzte das Gift zunehmend seine eigenen Lippen. Wochen vergingen und sein Zorn gab ihm die Kraft die weiteren Schritte einzuleiten. Doch als das geschafft war, wich die Wut etwas Schlimmerem. Einer tiefen, kalten Leere. Das Alleinsein gefiel ihm nicht. Man hatte ihn gegen seinen Willen auf Anfang gesetzt. Und dann war da noch diese Gedankenspirale, die immer wieder Bilder hochkommen ließ. Bilder davon, wie diese fremden Hände seine Frau berührten. Seine Frau. Nein... Der neue Mann wird sie nicht glücklich machen. Wenn er selbst es nicht schaffte, dann auch kein anderer. Denn was würde das über ihn aussagen? Es würde aussehen, als sei er schuld an allem. Dabei hatte er doch alles getan, alles versucht. Er hatte ihr seine besten Jahre geschenkt. Zeit, die ihm niemand je zurückgeben konnte. Verlorene Stunden. Nun gut, nicht völlig verloren, schließlich waren da noch die Kinder. Die Kinder! Also zumindest das musste sie doch einsehen. Was sie den Kindern angetan hatte, war nicht mehr gutzumachen. Sie hatte die Familie zerstört! Sie ganz alleine. So sollten die Leute denken. So sollte sie denken. So wollte er denken.

Als er den Ehering abnahm, fiel ein grauer Schleier von ihm ab. Eine Last, von der er nicht gewusst hatte, dass es eine war. Die Stelle, an der noch vor Kurzem der Ehering steckte, erregte eine Menge Aufmerksamkeit. Frauen folgten seinem Blick. Sie sahen ihn an. Als Mann. Nicht den Ehemann einer anderen. Nicht den Vater. Ihn. In ihren Augen funkelten Neugier und die Sehnsucht nach Abwechslung. Diese Art der Aufmerksamkeit war belebend, im wahrsten Sinne des Wortes. Er fühlte wieder Leben in sich. Nur leider hielt dieses Gefühl nie lange an. Es verlangte nach Regelmäßigkeit.

Ein Lächeln, ein Augenzwinkern,... eine leicht verdiente Emotion.


Schädlinge

Eine Gruppe Touristen versammelt sich um das goldene Johann Strauß Bildnis, die Statue selbst ist nicht mehr zu sehen. Später am Teich eine weitere Menschentraube. Inbrünstig schleudern Kinder, Omas, Eltern altes Brot ins Wasser. Das Brot muss mit einigem Abstand zum Ufer auf der Wasseroberfläche aufkommen, sonst fressen die Tauben mit und das sollen sie nicht. Das Brot gehört den bessergestellten Wasservögeln. Ein alter Mann spaziert gebückt den Weg entlang. Sein steifer Körper stützt sich auf einen ebenfalls krummen Stock. Aus der schmutzigen, dunklen Jacke quillt das Futter und trotzdem ist sie das am meisten intakte Kleidungsstück an der alters- und armutsgeplagten Gestalt. Ich beobachte sie von einer Parkbank aus, trotzdem entwickelt sich eine gewisse Synästhesie. Die gesamte Erscheinung riecht wohl nicht besser, als die Urinflecken auf der zerschlissenen Hose vermuten lassen. Würdevoller als man meinen könnte, hinkt der Mann zu den Herrschaften am Uferrand und hält lächelnd die Hand auf. "Bitte", flüstert er so heiser wie freundlich. Die Omas und Eltern sind genervt, sehen sie sich doch gezwungen eine unsichtbare Mauer zu errichten, um das Abwenden ihres Blickes vor sich selbst zu rechtfertigen. Wie unangenehm. Der Himmel über Wien ist heute in besonders sehenswertes Grau gehüllt. Besorgte Eltern schieben ihre neugierigen Kinder zur Seite, man weiß ja nie. Der Mann verneigt sich, dankbar für das Desinteresse und zieht schlurfend weiter. Die Luft ist wieder rein, im wahrsten Sinne des Wortes, und man widmet sich wieder den Enten. Gnädig, wie Großmütter sind, leert eine ältere Dame ihr Plastiksackerl über dem Parkboden, sodass selbst die Tauben nicht ganz leer ausgehen. Welkes Laub dreht sich im Wind und das Geräusch sich nähernden Schlurfens ist zu hören. Eine Hand öffnet sich vor mir. Ich lege einen Geldschein hinein. Einerseits aus Hochachtung vor einem Mann, der es schafft, dem Leben, so hart es ist, jeden Tag ins Gesicht zu sehen, aufzustehen, weiterzumachen, erhobenen Hauptes, so gut es die alten Knochen zulassen. Andererseits aus Scham. Ich schäme mich für meine Heimatstadt, für meine Mitmenschen, für die fehlende Menschlichkeit. Für das Armutszeugnis, welches wir uns Tag für Tag selbst ausstellen. Mitleidiges Kopfschütteln auf der Bank daneben. Ob aus Sorge oder aus Missgunst ist nicht klar zu erkennen. Ich gehe vom Besten aus. "Verlorenes Geld! Der schmeißt das für Bier wieder raus!" Ich fühle mich hilflos, bin ich doch nicht in der Lage mein Gegenüber vor dieser Wortgewalt zu beschützen. "Ich Islam. Keine Alkohol. Danke Fräulein. Viele danke." "Noch schlimmer", entgegnet der besorgte Herr, steht auf und geht. Ist das Problem nun, dass er mein Geld für Bier rausschmeißt oder dass er es nicht tut? Die Worte prallen an dem gebückten Mann einfach ab, immer noch erfüllt ein dankbares, wenn auch zahnarmes Lächeln sein Gesicht. Ich beneide ihn um diese Gabe. Er steht über den Dingen, voller Selbstachtung. Mit einer einladenden Handbewegung biete ich ihm den Platz neben mir an. Fassungsloses Raunen am Teich. "Mein Name ist Elisabeth." Der Mann nimmt meine Hand und setzt sich zu mir. Leider kann ich seinen Namen nicht verstehen. Er holt einen Ausweis aus seinem Portemonnaie, doch leider zeigt auch dieser nur arabische Buchstaben. Ich zucke hilflos die Schultern. Der Mann lacht herzlich und legt die Hand auf meine Schulter. Er holt ein Bild heraus. Ein Familienfoto mit mindestens zwanzig Personen, die Hälfte davon Kinder. "Meine Sohn. Meine Kinder, alle meine Kinder." "Sind das Ihre Enkel?" "Hafid? Ja, Enkel, Urenkel." Seine Stimme ist rau aber sanft. Ich spüre die angewiderten Blicke der Wienerwassertierfürsorge, als ich meinem Gesprächspartner unter den Arm greife, um ihm aufzuhelfen. Am anderen Ende des Parks bestelle ich einen Becher heißen Kaffee. Der Coffeebike Besitzer bereitet den Cappuccino sorgfältig zu. Im Milchschaum findet sich ein Herz aus Kakaopulver. Ich kaufe noch ein Päckchen Waffeln, bezahle und werde mit einem strahlenden Lächeln verabschiedet. Ein Lächeln, das plötzlich verschwindet, als er sein Kunstwerk dem gebückten Mann ausgehändigt sieht. Das Lächeln verschwand für einen Ausdruck des Ekels, welchen er nicht zu unterdrücken vermochte. Auch das lässt mein Gegenüber anstandslos zu und bedankt sich für den Kaffee, wieder und wieder. Doch steht ihm dieses Frühstück wirklich zu? Schließlich ist er keine Ente. Nein, noch nicht einmal eine Taube.

Alles verbrannt

Wien, 08. I. 46

Mein liebster Paul!

Mit großer Freude erhielt ich soeben Deinen Brief vom 26.12.45. Für Deine Wünsche auf das Jahr 46 hab recht lieben Dank. Hoffentlich bringt es uns das ersehnte Wiedersehen für immer. Die Post geht ja verhältnismäßig rasch. Ich bin so froh, wieder ein paar liebe Worte von Dir zu lesen und zu wissen, was mit Dir los ist. Gott sei Dank hast Du durch das Arbeiten ein bisschen Ablenkung. Das Warten hinter Stacheldraht muss ja nervenzermürbend sein, noch dazu wenn man von Daheim so gut, wie nichts weiß. Ich bin ja so froh, dass Du endlich Post bekommen hast und nicht mehr in Ungewissheit bist. Bitte entschuldige, dass ich mit der Maschine schreibe, aber die Zensurbehörde wird mir bestimmt dankbar sein, und Du lieber Paul bitte sei nicht böse. Ich schreibe schon wieder mit der Hand, da Du mich aber gebeten hast, Dir ein bisserl was zu erzählen, ist es vielleicht besser so. Solltest Du anderen Sinnes sein, bitte schreibe es mir, Du weißt, ich bin nicht beleidigt.

Nun will ich aber weiter ausholen und dort beginnen, wo unser Schreibwechsel im Frühjahr 45 unterbrochen wurde. Deine letzte Nachricht stammt aus Assel b/Stade v. 4.III.45. Ich habe den Antwortbrief an Dich am 3. April aufgegeben, und zwar durch einen Kurier, der nach Berlin fuhr und ihn mitgenommen hat.

Am 4. April war ich zum letzten Mal in der Firma. Nächsten Tages war es unmöglich, denn der Flakturm in der Gumpendorferstraße schoss bereits über uns hinweg in Richtung Süden. Andauernd Tieffliegerangriffe der russischen Schlachtflieger, sodass man sich wirklich nicht weiter wegtrauen durfte. Noch weniger über die Brücke am Donaukanal, wo bereits seit 1. April die Sprengladungen angebracht waren und jeden Augenblick, im Falle des Näherrückens der Front, zur Explosion gebracht worden wären. Also war Vorsicht geboten. Schließlich war mir auch nicht gerade angenehm die Kampfhandlungen in der Firma zu überdauern. Also bin ich daheimgeblieben und habe alles erdenklich Greifbare in den Keller getragen. Die Leute hatten sich schon wohnlich dort eingerichtet. Am 8. April war es bei uns dann soweit. Helene und Mutter waren im Dienst. Sie konnten durch die Kampfhandlungen auch erst am 10.4. zurück in die Wohnung kommen. Ich war Zuhause also allein und es ist alles gut vorübergegangen. Die Wohnung ist unbeschädigt und auch sonst ist alles in Ordnung geblieben. In der Inneren Stadt und am Kai waren die Kampfhandlungen meiner Ansicht nach am stärksten. An einigen Stellen waren britische Widerstandsnester, aber alles nicht von langer Dauer. Der Stefansturm steht noch, leider ohne Dach und mit starken Beschädigungen. Das Riesenrad ist auch ein Raub der Flammen geworden und es steht nur mehr das abgenagte Gerippe ohne Waggons. Kein Ringelspiel mehr, gar nichts - alles verbrannt. Der West- Süd- und Ostbahnhof sind ebenfalls kohlrabenschwarz. Natürlich auch viele, viele Wohnhäuser. Aber bei Dir Zuhause ist auch alles in Ordnung geblieben. Nur meine Großeltern haben ihre Wohnung verloren, allerdings schon vorher, am 23.III., und Großvater ist an Kränkung darüber gestorben. Großmutter wohnt jetzt auf Untermiete bei uns auf der Nebenstiege. Sie ist noch recht rüstig. Helene ist ganz aus dem Häuschen ob der Rückkehr ihres lieben Mannes. Sie hat so eine Freude.

Paul bitte lass mir nur den Kopf nicht hängen, es kann ja unmöglich noch lange dauern. Ich denke an unser Wiedersehen, wie an etwas Kostbares, freue mich, dass es noch vor uns liegt und in absehbarer Zeit nun doch Gestalt annehmen muss. Mein Liebster, ich zähle die Stunden bis zu unserem Wiedersehen und schließe mit vielen lieben Grüßen und Busserln - auch von Helene und Mutter sei recht herzlich gegrüßt -

Deine Edith

Wien, 17. I. 46

Mein liebster Paul!

Diese Zeilen sollen Dir zu Deinem Geburtstag gewidmet sein. Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute, mögen Deine kleinen und großen Wünsche in Erfüllung gehen. Fühl´ dich bitte nicht einsam, in Gedanken bin ich ja bei Dir und an Deinem Geburtstag ganz besonders. Denk nicht daran, dass wir momentan getrennt sind, sondern denk an den Tag, an dem wir wieder beisammen sein werden. Es kann ja nicht mehr lange dauern. Was auch in der Zwischenzeit alles geschieht - Hauptsache die Zeit vergeht und jeder Tag bringt uns dem Wiedersehen näher.

Lieber Paul, solltest Du den Brief erst nach Deinem Geburtstag bekommen, so mach Dir doch bitte nichts daraus, denn erstens kommt es immer anders und zweitens als man denkt.

So verbleibe ich mit vielen lieben Grüßen und einem besonders herzlichen Geburtstagsbusserl,

Deine Edith

Wien, am 30.I.46

Mein lieber Paul!

Danke für Deine liebe Karte und Deinen lieben Brief! Ich bin froh, dass Du dich nicht ärgerst, dass ich die Briefe nun mit der Maschine schreibe, ich hatte schon Angst, Du bist mir deswegen böse. Anders hätte ich Dir ja gar nicht alles erzählen können. Denn ob man Briefe wieder beidseitig beschreiben darf, weiß ich leider nicht. Bisher war die Vorschrift "auf einseitig beschränkt". Schlussendlich sind es ja auch meine Finger, die die Tasten niederdrücken und das Papier berühren.

Ich lege diesem Brief ein kleines Bilderl von mir bei, angeblich soll es gut sein. Es ist im Oktober oder November vorigen Jahres gemacht worden. Hoffentlich hast Du Freude damit. Ich bin schon sehr neugierig auf den furchtbar soliden und doch so unsoliden Kraftmenschen, den Du mir beschreibst. Hoffentlich komme ich noch lebend aus Deiner Umarmung davon! Ein paar Rippen kann ich ja opfern!

Ist das Rauchen ein Verdienst von Walter? Wenn ja, dann fluch ihm! Übrigens lasse ich ihn recht herzlich Grüßen. Wie vielen Frauen hat er schon das Herz gebrochen? Was machen die hier zurückgebliebenen Mädchen? Ja, noch einmal zu den Zigaretten: Haben sie Dir damals in der Lobau so gut geschmeckt, dass Du nicht ohne ihnen auskommen konntest? Kannst Du dich noch an diesen Ausflug erinnern?

Freu mich schon sehr auf Dein Nachhausekommen. Bin nur neugierig, wann das sein wird. Wie viele Wochen, Monate ...

Lieber Paul, ich schließe mit vielen lieben Grüßen und tausend zärtlichen Busserln, die ich Dir im Geiste schicke.

Von Mutter und Helene sowie Großmutter ebenfalls viele herzliche Grüße

Deine Edith

Wien, am 09.II.46

Mein lieber Paul!

Leider kann ich Dir heute keinen Erhalt eines Briefes bestätigen, aber das macht ja nichts. Ich habe ja warten gelernt! In den nächsten vierzehn Tagen sollen viele österreichische Kriegsgefangene nach Hause geschickt werden; vielleicht hast Du ja doch auch einmal ein bisserl Glück!

Mein Bruder ist noch nicht zurückgekommen. Die letzte Post stammt vom März 45. Mutter ist natürlich schon ganz bestürzt. Aber eigentlich ist es gar nicht so unnatürlich, denn wer weiß, wo er da in Amerika herumsegelt. Helene ist überglücklich ihren Harri wieder bei sich zu haben. Ein bisserl verbraucht sieht er aber schon aus - und älter. Es waren ja auch schon vier Jahre, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hat.

Ich kann Dir berichten, dass es mir bestimmt nicht schlecht geht. Liebster Paul, Mutter und Helene lassen recht, recht herzlich grüßen und wünschen Dir eine baldige Rückkehr in die Heimat.

Es umarmt Dich innig und schickt Dir viele liebe Grüße,

Deine Edith

Wien, 02.III.46

Mein liebster Paul!

Immer noch kein Brief von Dir. Mutter sieht sehr schlecht aus. Du wirst erschrecken, glaube ich. Dafür strahlt Helene umso mehr. Ich glaube bei ihr und Harri ist etwas unterwegs. Ich selbst bin gesund und wohlauf, hab nur sehr viel im Geschäft zu tun. Manchmal hat man das Gefühl, es wird immer mehr anstatt weniger, obwohl man dauernd dahinter ist.

Bumm! Schon wieder eine Sprengung. Man glaubt sich zurückversetzt in die Zeit der Fliegeralarme! Dem ist aber Gott sei Dank nicht so. Es werden nur zurzeit sehr viele ausgebrannte Häuser am Kai gesprengt. Vom Schwedencafé bis zur Rotenturmstraße sind jetzt schon alle umgelegt. Als ich es zum ersten Mal gesehen habe nach der Sprengung, ist mir der Anblick des Kais ganz fremd vorgekommen. Jetzt gewöhnt man sich doch schon langsam daran. Am Hohen Markt hat es auch so trostlos ausgesehen. Aber jetzt geht es doch - dank der Hilfe der englischen Besatzungstruppen - langsam bergauf mit den Aufräumarbeiten. Nationalsozialisten müssen auch schaufeln, aber solche Trümmerhaufen können schwer mit der Schaufel bewältigt werden, da müssen schon Baggermaschinen herhalten. Wir Wiener schimpfen immer, dass nichts weitergeht. Aber wenn man bedenkt, wie es nach der russischen Besatzung ausgesehen hat und wie weit wir heute doch schon sind, sieht man, es ist schon ein gutes Stückerl vorwärtsgegangen.

Jetzt will ich Dir noch rasch schreiben, wie so eine Woche bei mir aussieht. Montag bis Freitag bin ich von 8-19h in der Firma angehängt. Samstag meist detto. Sonntag schlafe ich bis Mittag, am Nachmittag gehe ich ins Kino und dann am Abend gehe ich wieder zeitig zu Bett. Das nennt man Leben ...?

Ich schließe mit einem lieben Busserl,

Deine Edith

Wien, 29.III.46

Mein lieber Paul!

Seit meinem letzten Brief ist allerdings eine Zeit vergangen, aber wenn ich ganz ehrlich bin, so muss ich Dir sagen, dass ich immer auf einen Brief von Dir gewartet habe. Dabei hätte ich so gerne gewusst, ob Dich das Radiogramm erreicht hat, und ob Du Dich gefreut hast darüber?! Hoffentlich bist Du gesund. Bin schon sehr gespannt, wann Du mir endlich schreiben wirst. Vielleicht kannst Du ja sogar mit einem der nächsten Transporte mitkommen. Aber ich vermute, es wird noch einiges Wasser die Donau hinab fließen, bis es soweit ist. Hauptsache ist, der Zeitpunkt kommt überhaupt einmal und das wird er doch hoffentlich?

Hier siehst du einen wöchentlichen Lebensmittelaufruf von uns hier. Du kannst dir davon ja ohne Erklärung ein Bild machen.

Normalverbraucher über 19 Jahre:

16 dkg Konservenfleisch

7 dkg Schmalz

20 dkg Hülsenfrüchte

9 dkg Maisgrütze

14 dkg Zucker (wird nur einmal monatlich aufgerufen)

6 dkg Ersatzkaffee

18 dkg Mehl

145 dkg Brot

Durchschnittlicher Tageskalorienwert 1198

Vom Bruder ist auch noch kein Zeichen des Herannahens bemerkbar geworden. Bin neugierig, wer von Euch beiden zuerst anschwimmt. Mutter und Helene lassen grüßen.

Für heute Schluss! Tausend liebe Busserln von

Deiner Edith

Wien, am 23.VII.46

Mein lieber Paul!

Danke für Dein Lebenszeichen. Kann mir Dich als Gärtner, wenn man es denn so nennen will, gar nicht vorstellen. Hoffentlich geht es Dir gut. Man wird noch ein neues Wortregister erstellen müssen, mit den ganzen neuen Kraftausdrücken. Man wird sagen, Du hast einen Slang wie ein Hafenarbeiter. Ich habe ja geglaubt, dass Du ernster geworden bist, aber scheinbar - oder soll ich sagen Gott sei Dank - ist dem nicht so. Du hast Dich eher noch mehr zu einem Lauser entwickelt, als Du früher einer warst.

Helene wird immer runder, und ihr Putzerl drückt ihr kräftig auf die Nieren. Sonst geht es uns gut. Lieber Paul, lass doch recht bald von Dir hören, dann will ich auch wieder mehr schreiben.

Mit dieser Bitte und einem lieben Busserl verbleibt

Deine Edith

Wien, 18.IX.46

Mein lieber Paul,

Wir haben im Geschäft wahnsinnig viel zu tun und ich komme sehr spät nach Hause. Deshalb falle ich dann natürlich gleich todmüde ins Bett. Aber heute habe ich mir gleich ganz fest vorgenommen Dir zu schreiben, und das tue ich ja schließlich sehr, sehr gerne. Mündlich mit dir zu plaudern wäre allerdings noch einmal ganz etwas anderes. Aber was soll man machen. Helene ist inzwischen Mutter geworden. Traudl ist der Name des Töchterchens. Sie ist natürlich sehr stolz darauf. Auch ich kann nicht klagen, und sonst ist alles daheim gesund und wohlauf.

Das Wetter ist saukalt und ich friere derart in den Beinen. Die Stiefel, die mir seinerzeit Deine Cousine Hilde geborgt hat, habe ich ihr zurückgegeben, sie wollte ihre Sachen in Ordnung wissen, denn ihr Mann hat sich bereits angesagt. Bin neugierig, wann er kommt. Nun habe ich mir einen weißen Filz aufgetrieben und einen Schuster, der mir Stiefel machen würde, und hoffe doch, wenn der strengste Winter kommt, dass ich schon wieder mit einem Paar warmer Stiefel bewaffnet bin.

Hier geht das Überstundenmachen nicht von der Tagesordnung. Ich habe inzwischen sogar eine Gehaltsaufbesserung bekommen. Ich kann nur sagen, dass mich die Arbeit sehr freut und ich mit Leib und Seele dabei bin. Inzwischen hat auch meine Kollegin Elfi geheiratet. Also ich kann dir nur sagen, bei uns sind die Damen jetzt im Heiratstaumel.

Hiermit schließe ich mein Schreiben und bleibe mit vielen lieben Grüßen, auch von Mutter, Helene und Harri sind welche dabei, immer

Deine Edith

Wien, 24. X. 46

Mein lieber Paul!

Es ist schon gar nicht mehr wahr, seit ich Deinen letzten Brief bekommen habe und ich kann mir gar nicht vorstellen, was denn eigentlich los ist mit Dir. Dein letztes Schreiben datiert vom 19.7. Seither ist keine Zeile mehr angekommen. Hoffentlich ist nichts Ernstliches passiert. Mir geht es nach wie vor gut und eigentlich kann ich überhaupt nichts klagen. Außer dass Du nicht schreibst. Dabei wäre ich so froh, wenn Du mir auf meine letzten Briefe antworten würdest.

Harri hat am vergangenen Sonntag einen Radunfall gehabt. Das hätte sich ganz schön auszahlen können. Das Radl hat keinen Achter im bekannten Sinne gemacht, sondern einen Zweiunddreißiger. Gott sei Dank ist er mit einer Gehirnerschütterung und einigen tiefen und sehr schmerzhaften Hautabschürfungen davongekommen. Ein russischer Major hat ihn mit dem Auto nach Hause gebracht. Wenn Du ihn sehen könntest, er würde Dir leidtun. Harri ist sehr zerknirscht. Er liegt da wie ein Häuferl Unglück und kann nicht einmal sein Töchterl halten. Traudl ist schon eine ganze Dame und sehr, sehr lieb. Plappert schon ganz entzückend und sieht beruhigend aus. Helene rennt nur mehr zwischen den beiden hin und her. Meiner Mutter geht es gesundheitlich auch nicht gut und ich wäre schon recht froh, wenn sie nicht mehr arbeiten gehen müsste. Sie hat sich in ihrem Leben schon genug abgerackert.

Ich bin alleine im Geschäft. Ich kann also meine ganzen Gedanken auf diesen Brief konzentrieren. Ich freue mich ja schon so sehr darauf, wieder mit Dir zu plaudern und endlich alles aussprechen zu können. Schließlich sind es nun schon bald neun Jahre, die wir uns nicht gesehen haben. In so einer Spanne fällt auch schon manches vor, was man nicht so einfach niederschreibt, sondern dem Menschen persönlich sagen muss. Wenn es auch noch so weh tut, etwas verheimlichen zu müssen. Ja Paul, die Jahre vergehen und was kommt dann? Worauf wartet man wirklich?

Lieber Paul, ich schließe mit vielen lieben Grüßen,

Deine Edith

Wien, 30.XI.46

Lieber Paul!

Ich danke Dir für Deine Zeilen und muss Dir Deine Vermutung leider bestätigen. Möchte aber erwähnt haben, dass auch Dein Benehmen daran schuld war! Ich hoffe, unter den gegebenen Umständen macht es Dir nichts aus, wenn ich Dir auf diesem Wege offiziell sage, dass ich einen Menschen gefunden habe, mit dem ich meinen weiteren Lebensweg gehen werde.

Sollte Dir von Deinen Privatsachen noch etwas fehlen, lass es mich bitte wissen.

Es grüßt,

Edith

Wien, 30. I. 1947

Stephan Plank

Edith Plank geb. Wiesinger

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Als Vermählte

Ausgerechnet ein Deutscher

Ich weiß nicht, wie viel Schmerz eine Liebesgeschichte verträgt. Aber ich denke, um zu verstehen, wie tief die Wurzeln einer Liebe sind, muss man auch wissen, was alles gegen sie spricht.

Woher auch immer dieser übermächtige Hass der Deutschen gegen die Juden rührte, mein eigener gegen die Deutschen stand ihm in nichts nach. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Aus dem gardinenverhangenen Küchenfenster konnte ich meine Mutter über den Schotterweg der Einfahrt rennen sehen. Einen Teil der Strecke meinte ich sogar, sie würde schweben. Es wirkte beinahe, als meinte sie, das Unvermeidliche aufhalten zu können, wenn sie nur schnell genug am Unglücksort war. Kaum fünf Minuten zuvor hatte sie mir die Zöpfe fest mit Spitzenbordüre verschnürt. Jetzt lag sie wimmernd und klagend, den deutschen Soldaten zu Füßen, über dem regungslosen Vater. Er sah friedlich aus. Sein gewelltes dunkles Haar lag ihm noch in der Stirn und das blutdurchtränkte Hemd steckte noch ordentlich in der Cordhose. Diese irreale, albtraumhafte Farce, schoss mir wie ein Blitz in die Glieder, der jedes Gefühl in mir ersterben ließ. Ich fühlte keine Trauer, keinen Schmerz. Und doch war diese Abwesenheit all meiner unendlich geglaubten, kindlichen Gefühle das Brutalste, das ich je zu spüren vermochte. Diese widerliche Lähmung wünschte ich meinem Erzfeind nicht und doch flehte ich atemlos zum Himmel, dass sie auch meine Mutter befiel. Wenngleich ich nur allzugut wusste, dass dies nicht geschehen würde. Sie fasste sich für einen allerletzten liebevollen Blick in meine Richtung. Ein Blick, der einer innigen Umarmung gleichkam und mir trotzdem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mit diesem Blick löschte sie jeden Funken Hoffnung in mir aus und ließ keinen Zweifel darüber zu, was gleich geschehen würde. Wie eine Furie entriss sie sich meinem stillen Flehen, stand auf und hämmerte wutentbrannt, mit blutverschmierten Fäusten auf den Soldaten ein, der den Finger noch am Abzug liegen hatte. Sie schrie, spuckte und schlug wild um sich. Bis sie schließlich, begleitet von einem dumpfen Knall zu Boden sank. Die Stille, die ihre Schreie aufgefressen hatte, war so durchdringend laut, dass ich mir die Ohren zuhalten musste.

Wer glaubt, nach Kriegsende wäre alles gut gewesen, der hat das Jahr 1945 nicht miterlebt. Schon als wir aus dem Konzentrationslager befreit wurden, war mir klar, dass das noch nicht das Ende war. An eine Heimkehr war für mich und viele andere nicht zu denken. So etwas wie eine Heimat hatte es einmal für mich gegeben, doch inzwischen war sie zu einem winzigen geografischen Punkt ohne Bedeutung zusammengeschrumpft. Die erste Zeit nach der Freilassung wohnte ich zusammen mit Haya in einem DP-Lager. Ich möchte gerne sagen, dass Haya meine Freundin aus dem Konzentrationslager war, aber ich bin mir nicht sicher, ob zwischen den Entwesungs- und Desinfizieranlagen, so etwas wie eine echte Freundschaft gedeihen konnte. Vielleicht beschreibt man es besser mit einer Synergie, die man entwickelt, um am Leben zu bleiben. So riskierte ich mein Leben, als ich Haya half, ihre Ruhr zu verheimlichen. Denn dass man auf der "Krankenstation" keine medizinische Versorgung zu erwarten hatte, lag auf der Hand. Sie wiederum brachte ihr eigenes Leben in Gefahr, als sie meine Arbeit mitverrichtete, als mir die Kraft dazu fehlte. Mit der Zeit ließ ich mich von ihrem Optimismus anstecken. Auch wenn die Asche, die Leichen und diese Unmengen an Trümmern solche Trugschlüsse verhindern hätten müssen. Das Land, regiert von den Besatzungsmächten, war übersät von Soldaten, die traumatisiert aus den Schützengräben gekrochen waren, frei von jeder Moral. Hunger, Traumata und Verzweiflung ließen alle menschlichen Fassaden in sich zusammenfallen. Auch der Judenhass war noch fest in den Köpfen verankert. Trotzdem sah ich mich dank Haya bereits als Teil der Remigration. Auf dem Weg in ein neues Leben in meinem Heimatland, als jemand von hinten grob mein Haar packte. Eine raue Hand hielt mir den Mund zu und zog mich in eine Seitengasse. Dieselbe Hand, die meine Lippen für einen Schrei wieder freigab, schob sich jetzt unter meinen Rock. Ich schrie erneut, schlug um mich, spuckte und hoffte den Schmerz damit schnell zu beenden, wie meine Mutter es getan hatte. Doch im Gegenteil schien das den Mann hinter mir nur anzufeuern. Er lachte trocken über meine jämmerlichen Befreiungsversuche, während er mich auf Deutsch beschimpfte. Kurz bevor das letzte bisschen Würde und Lebensenergie in mir erlosch, kam endlich der erhoffte dumpfe Knall. Es wurde dunkel um mich. Doch anstatt meiner selbst sackte der Körper hinter mir in sich zusammen und blieb auf der Straße liegen. Ein Gesicht tauchte über mir auf. Meine Erfahrung hatte mich gelehrt, es vorzuverurteilen. Es zu hassen. Es war das Gesicht eines Deutschen. Typisch, wie es nur sein konnte. Strahlend blaue Augen unter aschblondem glatten Haar. Ein Gesicht, das ich verabscheuen wollte. Das meines verabscheuen sollte, dem, umrandet von dunklen Locken, "Jude" wörtlich auf die Stirn geschrieben war. Doch der sanfte Ausdruck darin verschwand nicht. Er verschwand nicht, als ich schrie und um mich schlug. Er verschwand auch nicht, als ich schluchzend auf die Straße sank. Nein, der Fremde schloss seine Arme um mich, was seit einer gefühlten Ewigkeit keiner mehr getan oder auch nur gewollt hatte. Er nahm meine Hand und weinte mit mir. Wie zwei Verrückte saßen wir neben dem Toten auf der Straße und beweinten alle Grausamkeiten, die der Krieg an ihm und uns verbrochen hatte. Er saß so nah bei mir, dass seine Tränen über mein Gesicht rollten. So gerne ich ihn hassen mochte, ich konnte diese Hand nicht mehr loslassen. Sie war das Einzige, woran ich mich überhaupt noch festhalten konnte. Und sie entzog sich auch nicht. Sie führte mich in eine Wohnung, versorgte meine Wunden. Sie hielt mich weiter, trotz Rassenschande und aller Anfeindung von außen. Aus denselben Vorwürfen mit anderen Worten verlor ich mit Haya, meine letzte Bezugsperson zu meiner Vergangenheit und fühlte mich freier denn je. Das Gesicht, in das ich blickte, als ich aus der Hölle zurück ins Leben kam, die Hand die mich am Abgrund festhielt und sie nicht mehr losließ, sie gehörten dem Mann, mit dem ich ab 1950, nach Ende des Blutschutzgesetzes, 34 Jahre lang glücklich verheiratet sein würde. Und der mich so gut es die Umstände zuließen, immer wie eine Königin behandelte. Das Vertrauen, das ich diesem Deutschen trotz allen Widerspruchs schenkte, wurde nie enttäuscht. Im Gegenzug schenkte er mir einen engelsgleichen blauäugigen Sohn mit schwarzen Locken.

Genauso falsch wie der Antisemitismus, ist die Stigmatisierung und Verteufelung einer ganzen Generation Deutscher. Junger Männer, die zum Teil durch Gewaltandrohung und Hirnwäsche in ein System gezwungen wurden, dessen volles abgründiges Ausmaß mir wie vielen anderen erst weit nach Kriegsende deutlich wurde.

Abstellgleis

Es gibt auf dieser Welt Winkel, da würde man die Liebe niemals vermuten. Stellen, an denen sie so absurd und fehl am Platz ist, wie ein Jongleur auf einer Beerdigung.

Ich ließ den Blick noch einmal über das leere Schlafzimmer schweifen. Keiner da. Wollte nur sichergehen.
"Geben sie ihr Passwort ein", befahl die Website. Ich gab es ein. "Passwort und die E-Mail-Adresse stimmen nicht überein", zeterte ein roter Schriftzug. Mit zittrigen Fingern gab ich das Passwort erneut ein. Es konnte nicht falsch sein, ich habe nur das eine. "Passwort und die E-Mail-Adresse stimmen nicht überein." Beim zweiten Mal war die Zurechtweisung schon deutlich unfreundlicher, wie ich fand. >>Markus<<, sagte ich zu mir, >>du wirst dich jetzt nicht von einem Anmeldeformular aus der Ruhe bringen lassen.<< Souverän und völlig zentriert gab ich mein Passwort ein weiteres Mal ein. "Sind Sie schon Mitglied? Hier geht´s zur Anmeldung!", verhöhnte mich die Website und ein anzügliches Lächeln umspielte den Browser. >>Natürlich bin ich Mitglied, ich habe mich ja gerade kostenpflichtig registriert. Du, du ... du Malware!<< Genervt schloss ich das Fenster und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Vielleicht war das ein Zeichen. Vielleicht war es einfach keine gute Idee. Das Anmeldeformular hatte gewonnen. Ich schaltete den Laptop aus und zog ihm zur Strafe sogar das Kabel aus der Dose.
Dann putzte ich mir die Zähne und schlüpfte in meinen Schlafanzug. Bedman stand groß auf dem Shirt, daneben eine gelbe Fledermaus. Hier störte mich die nonkonforme Schreibweise ausnahmsweise nicht. Ich war (schon vor dem Kinofilm) ein viel größerer Fan von Robin, als von Batman selbst. Als ich die Schranktüre schloss, starrte mir mein Spiegelbild entgegen. Was ich sah, gefiel mir. Ich stand in der Blüte meines Lebens. Hatte noch volles, gut pigmentiertes Haar, war höher als breit und hatte mir als i-Tüpfelchen auch gestern erst die Zehennägel geschnitten. Beflügelt von meinem ästhetischen Anblick beschloss ich, der Website noch eine Chance zu geben. Ich entschuldigte mich bei meinem Laptop, strich ihm als Wiedergutmachung den Staub vom Bildschirm und öffnete die Website. "Erotische Abenteuer in deiner Nähe" versprach ein Schriftzug in verheißungsvoller Font. Markus78@hotimail.com tippte ich in das Eingabefeld. Stolz bemerkte ich, dass ich den Freemail Anbieter für diesen Zweck gut gewählt hatte. Sicher ein Zeichen. Mit geschwellter Brust deaktivierte ich die Hochstelltaste und tippte mein Passwort ein. Siehe da, das Anmeldeformular des Grauens war besiegt. "Hallo Markus78! Schön, dass du da bist", titelte die Website beschwichtigend. Ich seufzte zufrieden und strich mir mein Bedman Cape glatt. "Sie haben 0 neue Nachrichten und 0 Aufrufe." Zurück am Boden der Tatsachen atmete ich aus und ließ meinen Bauch wieder über den Hosenbund hängen. "Jetzt umsehen", schlug man mir vor, und ich befolgte den Rat.

Sandy_dopelD

Liebt es: heiß

besondere Talente: sehr gelenkig und dehnbahr :D :D

stellte die Plattform vor. Klingt doch schon mal nett. Eigentlich bin ich hochallergisch auf kreative Rechtschreibung, aber der Inhalt ist überzeugend. Ich klickte auf den "Anzwinkern"-Button.

Steht auf: GROßE ???

... setzte die Profilseite gehässig fort. Ich deaktivierte den "Anzwinkern"-Button wieder. >>Ganz schön vorlaut für eine Internetseite ohne Rechtschreibprüfung<<, raunte ich. >>Sie hat doch gar nicht gesagt, was groß sein soll. Gut, Bücherregale wird sie nicht gemeint haben. Aber vielleicht steht sie ja auf große Blumensträuße oder ... Schuhabsätze!<< Ich scrollte weiter.

Marianne67

Liebt es: zu verwöhnen

Steht auf: Rollenspiele

Ich bekam eine Gänsehaut. Aber nicht die gute Art. Mehr die Sorte, die man bekommt, wenn man mit der Grillzange den Deckel des Kugelgrills streift. Das Profil erstellte gegen meinen Willen eine Assoziation in die Vergangenheit. Zu der Sendung mit den reifen Frauen nach Sexy Sportclips auf DSF. Ich scrollte weiter.

Camilla

Liebt es: gestreichelt zu werden.

Steht auf: Finde es heraus!

>>Das klingt doch vernünftig<<, lobte ich das Profil. Sie verwendet Satzzeichen. Ich liebe Satzzeichen. Camilla. Das erweckt den Anschein einer Frau mit Bücherregal vor den Wechseljahren. "Anzwinkern", befahl ich. Damit war mein Soll für diesen Abend getan. Ich schloss behutsam den Laptop und ging erfüllt ins Bett, wie ein Mann das nach getaner Arbeit so tut.

Am nächsten Tag musste ich mich disziplinieren, mich nicht mit dem Firmen-PC einzuloggen. Innerlich verbrannte ich vor Aufregung, ob Camilla zurückgezwinkert hatte. So lief das. Man wird angezwinkert und man zwinkert zurück. Wie im echten Leben. Nur mit der Sicherheitskontrolle "Ich bin kein Roboter". Einmal fiel ich durch den Test, weil ich zu aufgeregt war, um abzuwarten, bis sich das runde Ladesymbol schloss. Dann musste ich aus vier Bildern, drei auswählen, auf denen Verkehrsschilder zu sehen waren. Mir stieg kalter Schweiß auf die Stirn. Ich fühlte mich zu meiner Führerscheinprüfung zurückversetzt. Doch diese Herausforderung meisterte ich bravourös. Ich loggte mich mit nur einem Versuch ein und schloss die Augen. Wenn ich sie wieder öffnete, würde ich wissen, ob Camilla zurückgezwinkert hatte. 3, 2, 1 ... UND ...

Dinosaurier.

Kein Internet

Versuchen Sie Folgendes:

- Netzwerkkabel, Modem und Router prüfen

- W-LAN Verbindung erneut herstellen

- Windows-Netzwerkdiagnose ausführen

Meine Katze hatte den Netzwerkstecker aus dem Modem gezogen und spazierte jetzt galant über die Tastatur. A2wrtz43dbvgf6z5tkl0pö90öäljhm. Keine Frage, sie ist eifersüchtig. Schließlich war sie die letzten zwei Jahre die einzige Frau in meinem Bett. Ich fegte sie mit einer raschen Handbewegung vom Schreibtisch. Man kann nicht auf alles Rücksicht nehmen. Mann hat Bedürfnisse. Kaum hatte ich das Kabel wieder eingesteckt, fand ich wieder das Anmeldeformular vor. Ich gab meine E-Mail-Adresse und das Passwort ein. Spannung. Ein Pop-up-Fenster öffnete sich.

"Wie zufrieden sind sie mit Hotdates.at?"

"Fehler: Die Auswahl null Sterne ist nicht zulässig. Bitte wählen Sie zwischen einem und fünf Sternen."

"Ein Stern. Danke für Ihre Bewertung!"

"Sie haben sich erfolgreich ausgeloggt."

Ich vernahm, wie mein Katze in der Küche beleidigt die Marmeladegläser aus dem Regal schmiss.
>>Jemand der sich mit der Zunge den Hintern ableckt, hat keinen alleinigen Anspruch auf meinen Schoß<<, rief ich und stellte damit die Hierarchie zwischen Katze und Besitzer wieder her. Wobei das eigentlich ziemlich cool wäre. Ich wette, Sandy_dopelD kann das auch. Nun flog die Blumenvase. >>Mir schenkt sowieso keiner Blumen.<< Ich loggte mich erneut ein und erwartete einen Stromausfall oder ein Erdbeben. Doch das Anmeldeformular ließ mich passieren und gab die Startseite frei. "Sie haben 1 neue Nachricht und 1 Aufruf." Vor Schreck klappte ich den Laptop zu. Ich hatte eine neue Nachricht. Auf der Seite Hotdates.at! Sollte ich schnell duschen gehen? Mich rasieren? Camilla. Die geht ja ran. Sie hatte nicht zurückgezwinkert, sondern gleich eine Nachricht geschickt. Bestimmt wollte sie ein Treffen ausmachen. Was wenn sie herkommen möchte? Ich versteckte den Bedman Pyjama im Schrank, beseitigte die Scherben in der Küche und sperrte die Katze in den Abstellraum. Dann putzte ich mir die Zähne, zupfte mir zwei überstehende Nasenhaare aus und setzte mich wieder vor den Computer.
"Sitzung abgelaufen. Bitte melden Sie sich erneut an." "Sie haben 2 neue Nachrichten und 1 Aufruf" Na jetzt geht´s aber rund. Mit einer Hand fächerte ich mir Luft zu, ich neige zum Hyperventilieren, und mit der anderen öffnete ich den Posteingang.

1. Nachricht von Admin: "Sie haben Hotdates.at mit einem Stern bewertet. Helfen Sie uns besser zu werden. Wünschen Sie Kontakt mit unserem Kundenservice?"

Ich wählte "Ja".
"Wie möchten Sie mit uns in Kontakt treten?"
Ich wählte "Chat".
Ein Chatfenster öffnete sich.

Servicecenter: "Sie sprechen mit Herbert vom Kundendienst, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?"

Markus78:Lieber Herbert vom Kundendienst. Ich wohne mit einer Frau zusammen, die kann sich selbst den Hintern lecken. Jetzt suche ich jemanden, der Selbiges für mich tut. Wären Sie so freundlich?

Genuggetan, genugtuend, ... was ist das Adjektiv von Genugtuung? Egal. Zufrieden minimierte ich das Chatfenster und öffnete, mit erregtem Prickeln in der Brust, die nächste Nachricht.

2. Nachricht von Camilla

Schwitzend atmete in eine Tüte. Ich stand dermaßen unter Strom, dass man meinen könnte, ich wäre dabei, auf eine Hochspannungsleitung zu pinkeln. Als ich mir zwei Taschentücher unter die Achseln geklemmt und meinen Atem kontrolliert hatte, las ich weiter.

2. Nachricht von Camilla: "Lieber Markus. Ist 78 dein Alter oder dein Geburtsjahr? Liebe Grüße, Camilla"

Neue Nachricht schreiben:

"Liebe Camilla,

nach "Liebe Grüße" setzt man keinen Beistrich, sondern löst einen weichen Zeilenumbruch (Shift+Enter) aus.

Liebe Grüße

Markus"

>>Ich Vollidiot<<, schrie ich, als mir bewusst wurde, was ich da geschrieben hatte. Nach "Liebe Grüße" löst man einen harten Zeilenumbruch (Enter) aus, keinen weichen!

"Camilla ist jetzt online. Chat beginnen?"
Ich klickte auf "Ja".
Das Chatfenster öffnete sich.

Camilla schreibt ...

Markus78: Warte! Was ich da geschrieben habe, war Unfug. Tut mir leid, ich bin etwas nervös.

Camilla: Ja, das war es.

Markus78: Also noch mal von vorne. Ich bin Markus, und 78 ist mein Hüftumfang.

Camilla: Cool. Bist du Batman?

Markus78: Kann man so sagen, ja.

Camilla: Schade, mir gefiel Robin immer besser. Schon vor dem Kinofilm.

"Ich liebe dich", tippte ich in das Eingabefeld, löschte es dann aber wieder. Das könnte übereilt wirken.

Markus78: Das kann ich gut nachvollziehen. Möchtest du dich vielleicht morgen Abend treffen?

Nachdem ich die Taschentücher in meinen Achselhöhlen ausgewechselt hatte, minimierte ich das Chatfenster und hielt die Luft an. Es kam keine Antwort. Der Sauerstoffgehalt in meinem Blut sank. Mir wurde etwas schwummrig. Dann endlich begann der Chatbalken grün zu blinken. Ich atmete aus, setzte mich mit geradem Rücken auf den Schreibtischstuhl, öffnete die Unterhaltung und ein "Ja" strahlte mir vom Bildschirm entgegen. Es kam von Herbert vom Kundendienst.
"Kann ich schon machen, wird aber teuer", ergänzte er. Erbost schloss ich Herberts Fenster. >>Leck dich doch selbst ...!<<
Oh Gott, die Katze!! Stolpernd lief ich zum Abstellraum und öffnete die Tür. Die Katze war dankbar. Zurück am Schreibtisch versorgte ich meine Oberarme mit Schnaps und Pflastern. Dann fiel mein Blick zurück auf den Bildschirm.

Camilla: Ja, gerne.

Als ich weggekippt war, hatte ich einen schönen Traum.

Camilla und ich liefen einen Strand entlang. Ich hatte mein Bedman Cape an und sie trug ein transparentes, weißes Sommerkleid. Wir legten uns in den kühlen Sand. Die Nacht hatte ihn grau gefärbt. Nur das Mondlicht reflektierte in den winzigen Körnern. Die Sterne hingen so nah über uns, dass wir meinten, sie berühren zu können. Während wir uns eng umschlungen in der malerischen Kulisse wälzten, umspielte die schäumende Gischt unsere nackten Zehen. Dann küsste sie mich. (Camilla, nicht die Gischt.)Zuerst sanft, fast zaghaft. Dann leidenschaftlicher. Ihr Atem schmeckte nach ...


Whiskas Geflügel-Rind. Als ich wieder zu mir kam, sah ich in die leuchtend grünen Augen meiner Katze. Ich wischte mir den Mund ab.

Camilla: Vielleicht könnten wir erst mal was trinken gehen und ein bisschen reden?

Markus78: Na klar, kein Problem.

Camilla: Diesen einen Abend ohne Hintergedanken?

Markus78: Ehrensache. Vielleicht könnten wir in die Fruchtbar gehen. Die ist nur Eisprung von mir entfernt!

Camilla: Bist du noch nervös?

Markus78: Und wie. Entschuldige.

Camilla: :)

Markus78: Morgen 20 Uhr in dem Pub neben dem Hauptbahnhof?

Camilla: Ausgemacht.

Markus78: Toll. Dann bis morgen. Ich freue mich darauf dich kennenzulernen.

Camilla: Nach "Ich freue mich darauf" setzt man einen Beistrich.

Markus78: Ich liebe dich.

Wie verabredet, stand ich um Punkt 8 Uhr vor der Bar. Ich hatte meine beste Jeans an, und ein schwarzes Polohemd mit einer kleinen, gelben Fledermaus auf der rechten Brust. Um 20:30 beschloss ich, mir an der Bar ein Bier zu holen. Ich ließ meinen Blick über die Gäste schweifen, doch eine Frau ohne Begleitung war nicht auszumachen. Um 21 Uhr fand ich es schade, dass sie so spät kam, dass von dem Abend kaum etwas übrig sein würde. Und um 21:30, nach einem erleuchtenden dritten Bier, verließ ich den Pub als Mann, der von einer Frau namens Camilla versetzt worden war. Mal ehrlich, hätte ich überhaupt etwas anderes erwarten sollen? Unglücklicherweise hatte ich das aber getan. Ich hatte wirklich damit gerechnet, heute Abend eine Frau kennenzulernen. Eine Frau, die Satzzeichen setzt und die Batman mag. Und Robin. Doch so ist das Leben. Die passende Bewertung hatte ich der Website ja bereits gegeben. Ich bezweifelte, mich je wieder dort einzuloggen. Zu meinem eigenen Erstaunen war ich ehrlich enttäuscht. Die dunkle Gasse entlang schlenderte ich hinunter zur Straßenbahnstation und ließ mich auf die metallene Sitzbank fallen. Die Frau daneben sah mich zuerst brüskiert und als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkte, mitleidig an. Genervt legte ich den Kopf in den Nacken. Jetzt bloß keine Standpauke.

>>Hallo Markus.<< Ich schreckte hoch. >>Kennen wir uns?<< >>Gewissermaßen.<< Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete ich die südländisch anmutende, junge Frau, die da im Dunkeln neben mir saß. Und dann sah ich sie. Die eingeflochtenen Blüten in ihrem Haar. Kamillenblüten. Mir stockte der Atem. >>Camilla?<< >>Hör zu, es tut mir leid. Ich habe so etwas noch nie gemacht, und als ich dich vor dem Pub stehen sah, ... Ich kam mir so billig vor.<< Mir fehlten die Worte. Ich fühlte mich wie dreigeteilt. Ein Teil von mir war sauer auf sie, weil sie mich versetzt hatte. Ein anderer wollte sie tröstend in den Arm nehmen. Und ein Teil, der Teil, der mich auf die wahnwitzige Idee brachte, mich auf hotdates.at anzumelden, sah nur diese atemberaubend schöne Frau. >>Dann bin ich auch billig?<<, fragte ich. Sie lachte. >>Ich weiß nicht, dein wievieltes Treffen ist das denn heute?<< >>Heute mein erstes<<, entgegnete ich. >>Das ist doch schon mal was.<< >>Nein. Keine Ahnung. Ich bin in den letzten Jahren wohl irgendwie aufs Abstellgleis geraten.<< >>Und da sitzen wir noch. ... Hallo, ich bin Camilla.<< Sie streckte mir die Hand hin. Als ich sie nahm, fuhr sie mit ihren zarten Fingern die roten Spuren an meinem Arm entlang. Ich bekam eine Gänsehaut, eine von der guten Sorte. >>Ich hatte auch mal eine Katze<<, lächelte sie. Und das Nächste, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich diese Frau nicht (nur) in meinem Bett, sondern in meinem Leben haben wollte.

Einige Tage später verschwanden die Accounts von Markus78 und Camilla spurlos im Cyberspace. Dadurch riss auch der Kontakt zu Herbert beinahe vollständig ab. Nur einmal flatterte noch eine E-Mail vom Kundendienst herein:
"Würden Sie Hotdates.at Ihren Freunden empfehlen?" Ich klickte auf "Ja".

I just called to say I love you

Samstag, 21. März 1998, 21:36 Uhr

"Heinrich, guten Abend?!"

"Heinrich! Schön, dass Sie ans Telefon gehen. Sagen Sie, läuft Ihre Waschmaschine?"

"Sie wollen wissen, ob meine Waschmaschine läuft?"

"Das wäre toll."

"Nun ... Nein, meine Waschmaschine läuft nicht. Wer spricht denn da?"

"Mein Name ist ... mein Name ist ... Kon...äh ... stanze!"

"Konstanze also. Kann ich denn noch etwas für Sie tun?"

"Ja, das können Sie. Heinrich wären Sie so nett, Ihre Waschmaschine aufzudrehen?"

"Natürlich nicht! Hätte das ein Telefonstreich werden sollen? Ich höre da doch jemanden kichern."

"Wenn ich zugebe, dass es ein Telefonstreich ist, drehen Sie dann Ihre Waschmaschine auf?"

"Keines Falls."

"Bitte."

"Nein."

"Bitte, bitte!"

"Hach. Fragen Sie noch einmal."

"Was?"

"Na fragen Sie mich, ob meine Waschmaschine läuft."

"Ah. Okay. Heinrich läuft Ihre Waschmaschine?"

"Jap. Ja doch, die läuft. Ohne Zweifel."

"Dann sollten Sie sie schnell wieder einfan... Wissen Sie was? So funktioniert das nicht. Ich habe das Gefühl, Sie haben mir zuliebe mitgespielt."

"Wie kommen Sie denn darauf?"

"Der ganze Small Talk hat die Pointe versaut."

"Sie haben die Pointe selbst versaut "Konstanze". Sie hätten nach dem Kühlschrank fragen sollen, oder zumindest nach dem Fernseher. Wer wäscht denn bitte um 21:40 seine Wäsche??"

"Meine Güte Heinrich, Sie haben völlig recht. Wir werden unsere Strategie überarbeiten und melden uns dann wieder."

"Bloß nicht. Gute Nacht, Konstanze. Und trinken Sie ein Glas Wasser vor dem Schlafengehen, damit Sie der Kater morgen nicht aus den Socken haut."

"Gute Nacht, Heinrich! Sie sind sehr fürsorglich für einen Telefonstreicher... Telfonverstrichenen... Telefongestreichten."

"Danke, das kommt in meinen Lebenslauf. Ich heiße übrigens Thomas. Heinrich ist mein Nachname."

"Thomas Heinrich. Heißt so nicht ein Schriftsteller? Sind Sie Schriftsteller, Thomas Heinrich?"

"Sie meinen wohl Thomas Mann. Und nein, ich war Polizist."

"Nein, nein, der andere. Heinrich Thomas."

"Heinrich Mann."

"Nein, der andere."

"Heinrich Böll?"

"Ja, der."

"Gute Nacht, Konstanze. Grüßen Sie Ihre Freundin von mir."

Sonntag, 22. März 1998, 21:30

"Hallo?"

"Hallo Konstanze. Sie haben sich nicht mehr gemeldet."

"Wer spricht denn da?"

"Thomas von neulich Abend... mit der Waschmaschine."

"Heinrich! Sagen Sie das doch gleich. Wie geht es Ihnen?"
"Danke mir geht es ... unwichtig. Hören Sie doch Mal."

"Was ist das?"

"Meine Waschmaschine läuft."

"Sagten Sie nicht, kein Mensch würde so spät abends seine Wäsche waschen?"

"Ich habe keine Wäsche hineingetan."

"Sie lassen Ihre Waschmaschine leer laufen? Etwa nur meinetwegen?"

"Ganz genau."

"Sie halten doch nicht gerade wirklich Ihr Telefon an eine leere Wäschetrommel?"

"Genauso wenig wie ich die Frau die mir gestern betrunken einen Telefonstreich gespielt hat, heute zurückgerufen habe."

"Das ist mit Abstand die schlechteste Anmache der Welt."

"Wieso denn?"

"Nun, wo soll ich anfangen. Ich könnte verheiratet sein, hässlich, steinalt, ein Mann ... oder alles davon!"

"Sie sagten "könnte". Das bringt mich gleich zu Frage Nummer 5. Wieso spielt eine erwachsene Frau nachts betrunken Telefonstreiche?"

"Fragt da Heinrich der Mann oder Heinrich der Ex-Polizist?"

"Thomas."

"Hören Sie, es tut mir leid. Ich hatte eine furchtbare Woche und meine Freundin dachte, es würde mich aufheitern."

"Und? Hat es?"

"Ja, ich muss sagen, es war ganz witzig. Auch wenn es nicht ganz geklappt hat."

"Mich auch."

"Sie auch? Warum mussten Sie denn aufgeheitert werden?"

"Gute Nacht, Konstanze. Es war schön Ihre Stimme zu hören."

"Gute Nacht, Heinrich. Und trinken Sie ein Glas Wasser vor dem Schlafengehen."

Dienstag, 24. März 1998, 21:40

"Guten Abend."

"Wer spricht?"

"Erwarten Sie noch andere Anrufe um 21:40?"

"Konstanze! Hallo, wie schön!"

"Ich habe gestern nichts von Ihnen gehört und habe mir Sorgen gemacht."

"Das ist nett von Ihnen. Aber Sie müssen sich keine Sorgen um mich machen."

"Sie haben mir nicht verraten, warum Sie aufgeheitert werden mussten."

"Das ist mir schon klar."

"Verraten Sie es mir jetzt?"

"Verraten Sie mir Ihren richtigen Namen? Sie heißen doch nicht wirklich Konstanze."

"Hmm."

"Hmm?"

"Das ist mir doch ein bisschen zu abgedreht."

"Ach kommen Sie schon. Ich habe Sie nicht nach Ihrer Kreditkartennummer gefragt. Ich habe ein Recht darauf, Ihren Namen zu erfahren, schließlich haben SIE mich angerufen."

"Wissen Sie was? Bleiben wir erst mal bei Konstanze und wenn ich Ihnen nächstes Mal einen Telefonstreich spiele, verrate ich Ihnen vielleicht meinen richtigen Namen."

"Sie legen jetzt auf und blockieren meine Nummer, richtig?"

"Wer weiß. Gute Nacht, Heinrich."

"Gute Nacht, Konstanze."

Mittwoch, 25. März 1998, 21:34

"Warum sind Sie nicht mehr Polizist?"

"Sie sind kein Freund von Small Talk, was?"

"Nö."

"Ich hatte einen Arbeitsunfall."

"Wow, wirklich? Wurden Sie angeschossen?"

"Nein."

"Angestochen?"

"Angestochen?"

"Na ERstochen wurden Sie ganz offensichtlich nicht, sonst würde ich jetzt nicht mit Ihnen sprechen."

"Nein."

"Überfahren?"

"Lassen Sie das."

"Tut mir leid."

"..."

"Zusammengeschlagen? Beim Strafzettelausstellen?"

"Nein. Ich bin über eine Treppe gestürzt, okay? Sie war noch nicht einmal hoch. Zufrieden?"

"Ehrlich gesagt, nein. Noch langweiliger wäre nur gewesen, wenn Sie sich beim Stricken mit Ihren Kollegen in der Wolle verheddert hätten."

"Ich werde jetzt auflegen. Gute Nacht, Konstanze."

"Nein! Warten Sie! Sie sind doch nicht wirklich sauer, oder?"

"Natürlich bin ich sauer. Sie machen sich lustig über mich."

"Sie müssen doch zugeben, dass ihr Arbeitsunfall nicht gerade ... spektakulär klingt oder?"

"..."

"Hallo?"

"Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine bessere Geschichte bieten kann. Dass ich meinen Job aus so einem banalen Grund wie einer Querschnittslähmung verloren habe. Das muss Ihnen ja richtig den Abend versaut haben. Ich bitte vielmals um Entschuldigung!"

"Ich ... es tut mir ... so ... leid."

"Gute Nacht, Konstanze."

"Gute Nacht ... Thomas."

Donnerstag, 26. März 1998; 21:26

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

"Guten Abend. Ich wollte nur ... Ich wollte fragen ... ähm ...Läuft Ihre Waschmaschine?"

Freitag, 27. März 1998, 21:15

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

"Hallo Thomas. Ich war eine richtig dumme, fiese Kuh. Es tut mir so wahnsinnig leid. Bitte sagen Sie mir, wie ich es wieder gut machen kann. Ich warte auf Ihren Rückruf."

Sonntag, 29. März 1998, 21:34

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

"Bitte. Bitte vergeben Sie mir."

Montag, 30. März 1998, 21:40

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

"Bitte. Ich kann ohne Ihre Stimme nicht mehr einschlafen. Sie sind mein Ruhepol. Mein Pendel. Mein Schäfchenzählen."

Dienstag, 31. März 1998, 21:38

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

"Bitte."

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

"Bitte."

>>Dies ist der Anrufbeantworter von Thomas Heinrich. Bitte pfeifen Sie auf den Piep und sprechen Sie jetzt.<<

"Bitte."

"Schon gut, Sie Nervensäge. Ich erteile Ihnen die Absolution. Zufrieden?"

"Ein bisschen."

"Na Gott sei Dank. Hören Sie jetzt auf, meinen Anrufbeantworter vollzumüllen?"

"Okay."

"..."

"Sind Sie noch böse auf mich?"

"Ich war nie böse auf Sie. Ich kenne Sie doch gar nicht."

"Sie sind also noch böse."

"Nein, Sie haben ja recht, mit dem was Sie gesagt haben. Der Sturz war lächerlich, nur das, was danach kam eben nicht."

"Es tut mir sehr leid, was Ihnen zugestoßen ist."

"Das sagten Sie bereits."

"Thomas?"

"Ja?"

"Klopf, klopf ..."

"Wer ist da?"

"Stephanie."

"Stephanie wer?"

"Stephaniedasistmeinrichtigername."

Sonntag, 21. März 2004, 21:40

"Heinrich, guten Abend?"

"Läuft Ihre Waschmaschine?"

"Stephi? Ich dachte, du bist im Badezimmer und putzt dir die Zähne. Schau doch selbst nach."

"Das bin ich. Alles Gute zum Hochzeitstag, Schatz."